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STRAßENKREUZER
Frankens Magazin für Menschen in sozialer Not

Leseprobe aus
Ausgabe /2000




Was will denn der hier?

Eindrücke von der Zugfahrt

   Die Cafeteria des Intercity-Express Hamburg-Würzburg ist an diesem Nachmittag gut besucht. Zahlreiche Geschäftsleute sitzen dort plaudernd oder Zeitung lesend bei einer Tasse Kaffee. Da kommt Horst, einer unserer Verkäufer, herein. Seine langen Haare hängen ihm strähnig ins Gesicht, seine Lederjacke wirkt abgewetzt. Er bestellt sich ein Bier und setzt sich neben mich. Alle Blicke sind auf uns gerichtet. Was will denn der hier? Fahren jetzt schon Penner ICE? - scheint in ihre Gesichter geschrieben. Horst interessiert sich nicht dafür und beginnt, aus seinem Leben zu erzählen. »... damals, als sie mich angezündet haben - das war schon schlimm...« »Wie, angezündet«, frage ich in der Annahme, mich verhört zu haben. »Ich weiß nicht mehr genau, wann das war. Jahre haben keine Bedeutung für mich«, sagt er. »Ich glaube, es war '95. Ich saß im Nürnberger Bahnhof und hab' geschlafen. Plötzlich weckte mich ein Polizist und schrie: Aufwachen! Sie brennen! Dann bin ich ohnmächtig geworden«. Rechtsradikale hatten den Wohnungslosen wie einen wertlosen Gegenstand, wie ein Stück Holz, in Brand gesteckt. Mit vier Promille Alkoholgehalt im Blut merkte er natürlich nichts mehr davon. Erst im Krankenhaus sollte Horst die Folgen der Tat zu spüren bekommen. Sein ganzer Rücken war verbrannt. »Da war kein Stück Haut mehr heil. Als sie mir den Verband wechselten, habe ich geschrien, wie in meinem ganzen Leben noch nichtę, erinnert er sich. Es dauerte mehrere Monate, bis er wieder auf der Höhe war. Seine schweren Brandverletzungen sind noch heute zu sehen. Die Täter wurden nie gefaßt. Mir fehlen die Worte. Ich schaue mich um und beobachte die Zuggäste. immer noch sind sämtliche Augenpaare auf uns gerichtet. »Diejenigen, die das getan haben, wissen gar nicht, wie sehr ich mich dafür schäme...«, reißt mich Horst aus meinen Gedanken über die Menschheit. »Lass' uns in unser Abteil zurückgehen«, schlage ich vor. Er läuft voraus. Wieder wird gestarrt. Ich bin froh, dass es noch Menschen wie Horst gibt.

ANGELA MONECKE



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Diese Seite wurde am 25. Februar 2002 erstellt
und am 17. December 2006 zuletzt bearbeitet.